Begegnungen

Begegnungen am Camino.

Zu den schönsten Eindrücken meines „Camino“ zählen die vielen „Begegnungen“ am Weg. Manche Pilger trifft man nur einmal. Viele sieht man immer wieder und auch Freundschaften fürs Leben werden geschlossen.
Man erlebt die Gastfreundschaft in den Herbergen und bei ausgelassenen Feiern ist Spanien unübertroffen.
Nicht nur Menschen trifft man am Camino, sondern auch Tiere. Vor manchen Hunden muß man sich in acht nehmen, denn vielleicht ist Coelhos schwarzer Hund dabei. Und auch so mancher Esel kreuzt den Weg. (Willi Markom)

Willis Foto-Tour

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Jakobssplitter Österreich

Oberösterreich

In den Traun-Auen kam mir eine kleine Gruppe von Wanderern entgegen. Nach einigen Fragen und dem voluminösen Rucksack war sichtlich geklärt, dass ich ein Jakobspilger auf dem Weg von Wien nach Santiago war. Stolz sagte eine der Damen zur Anderen; „Siachst, i hobs glei gsogg – des iss’ so Oana!“. Was immer sie auch damit gemeint haben mag.

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In Tirol, hoch oben bei der Wallfahrtskirche Maria Brettfall mustert eine stämmige Tirolerin meine Pilgermuschel und den Rucksack: „Bischt Du a eachta Pilger?“ Und auf mein bestätigendes Nicken begeistert: „ Jo mei – so oan wullt i imma scho seachn!“.

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Bei Tirolern kann man selbst als Wiener Achtung erringen – wenn man ihnen glaubhaft machen kann, dass man den ganzen weiten Weg zu Fuß gegangen ist. Und sie geizen dann auch nicht mit bodenständiger Anerkennung: „ Wos – va Wean her bischt gaongan? Z’Fuaß? Bischt deppat?“

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Strass im Zillertal: Ein Einwohner legt mir dringend den Besuch derrenovierten Pfarrkirche nahe: „Do muascht eini – weil die Renovierung hot viel Geld koscht!“.

Jakobssplitter Schweiz

Sprachprobleme
Am ersten Abend, zusätzlich müde von der Anreise im Nachtzug, fragte ich in einem kleinen Weiler vor Romont nach Quartier. Es war mühsam – meine Französischkenntnisse waren sehr, sehr dürftig – doch zu meiner Überraschung nickte eine der Frauen auf meine Frage nach Quartier heftig. Am Weg zum Haus wollte ich noch die Preisfrage geklärt haben. Die Dame rechnete kurz und nannte mir auf französisch eine Zahl. Ehe ich noch in meinem klugen Büchlein nachschlagen konnte, sagte sie aber auf Deutsch deutlich: „15 Franken“. Dann zeigte sie mir das „Zimmer“ – es war eher ein Besenkammerl mit viel Gerümpel drin – aber Abendessen, Nächtigung und Frühstück für 15 Franken war eine Mezie.
Die ganze Familie war sehr nett und wir verbrachten einen netten Abend. Als es am nächsten Tag an Zahlen ging, war aber von 50 Franken die Rede. Und das war für dieses Kammerl selbst für Schweizer Verhältnisse sauteuer. Ich zahlte – aber die Familie fand ich plötzlich nicht mehr so nett.

Sprachproblem 2
In früheren Zeiten fuhren die begüterten Pilger per Schiff über den Genfer See – immerhin sind das rund 70 km oder 3 Tagesetappen zu Fuß – die Ärmeren mussten „hatschen“. Heute hat sich das umgekehrt, denn: Die Schweiz ist teuer, besonders aber die Gegend um den Genfer See. Und die Überfuhr kostet weit weniger als 2 oder 3 Nächtigungen. Daher gehen heute die Reichen zu Fuß und die armen Schlucker (wie z.B. ich) müssen (bzw. wollten) fahren. Rund 3 Wegstunden vor Lausanne geht’s es durch einen wunderschönen riesigen Wald, der kreuz und quer von Wegen durchzogen ist. Als ich wieder einmal etwas ratlos an einer Kreuzung stand, hielt ein Autofahrer an. Ich fragte ihn nach dem Weg nach Lausanne. Er ließ einen Wortschwall los und deutete auf den Beifahrersitz. Als standhafter Pilger lehnte ich natürlich ab – dürfte aber nicht sehr überzeugend und verständlich gewesen sein, denn der Gute stieg aus, öffnete die Heckklappe und bedeutete mir, den Rucksack in den Wagen zu legen. Müde und mit der Aussicht auf einen langen „Straßenhatscher“ in die Stadt resignierte ich und stieg ein.
Unterwegs erklärte ich ihm (so glaubte ich wenigstens), dass ich in Lausanne nächtigen und am nächsten Tag mit Hilfe der christliche Seefahrt nach Genf gelangen wolle. Er nickte begeistert und versicherte mir mehrmals, dass er mich direkt zum See bringen werde und fuhr und fuhr. Anhand der Richtungsanzeiger erkannte ich aber, dass Lausanne schon hinter uns lag. Auf meine schüchternen Hinweise nickte der Fahrer aber immer nur und versicherte mir begeistert, dass er mich direkt zum See bringen werde. Und so war es dann auch: Er ließ mich direkt am See aussteigen – aber in Morges (sprich „Morsch“) – rund 12 km hinter Lausanne. Da stand ich nun um ca. 17 h – und erkannte bald, dass es von hier kein Schiff nach Genf gibt.
Was tun? Zurück nach Lausanne hatschen? Dazu war ich zu müde! Also zum Bahnhof. Dann aber überlegte ich: Wenn schon Zug, dann nicht zurück, sondern gleich nach Genf. Und so machte ich es auch. Vom schönen Lausanne und der christlichen Seefahrt über den Genfer See habe ich aber leider Nichts gesehen.

Käsefondue

Eines Abends gab es in einer Familie Käsefondue. Dazu wird Käse erhitzt und geschmolzen und da hinein taucht man Weißbrotwürfel. Köstlich – aber mit entsprechendem Odeur! Am nächsten Tag hielt ich irgendwo draußen in der Botanik Mittagsrast. Im Bäuchlein gutes Essen und eine Dose Bier – Schuhe, Socken und Brille abgelegt – döste ich in der wunderbaren Spätsommersonne so vor mich hin. Plötzlich hatte ich einen sonderbaren Duft in der Nase – eindeutig: Käsefondue. Ich schaute umher – aber weit und breit war keine Ursache für dieses seltsame Phänomen zu finden. Erst in meiner unmittelbaren Umgebung fand sich die Erklärung: Das Sonnenlicht fiel durch meine Brillengläser stark gebündelt auf meine Pilgersocken. Und von diesen stieg leichter Rauch auf.

Jakobssplitter Frankreich

Comme Dieu en France – Wie Gott in Frankreich
Viele Familien nehmen gerne Jakobspilger auf und versorgen sie mit Logis, Speis und Trank für ein christliches Entgelt von 20 – 25 Euro. Aber: Andere Länder – andere Sitten. An Manches musste ich mich erst gewöhnen. Zum Beispiel an das Dinner.
Da kommst du also nach einem Tagesmarsch müde, verschwitzt, staubig und hungrig zu deiner Gastfamilie. Sehr gepflegtes Haus, überall dicke Teppiche, Stilmöbel, Madame und Monsieur wie aus dem Ei gepellt – man selbst kommt sich etwas deplaziert vor. Nun gut –Dusche und frische Kleidung – und man fühlt sich schon wohler. Nur der Magen knurrt, aber bis zum Dinner dauert’s noch etwas – meist wird erst um 19:30 gegessen.
Doch dann bittet man zu Tisch. Es gibt eine herrlich dicke Suppe und das obligate Weißbrot dazu. Man hat Hunger – nimmt sich zu Freude von Madame noch einen zweiten Teller Suppe und ein drittes Stück Brot. Danach kommt z.B. eine Schüssel dampfende Nudeln mit köstlicher Pilzsoße – und du mampfst. Dann, nach einer kleinen Pause, kommt aber erst der Hauptgang! In einem Fall war es sogar eine riesige gebratene Forelle. Aber es ist kaum noch Platz! Du willst aber die Frau des Hauses nicht enttäuschen – und mampfst! Und dann – ja dann kommt eine schöne Käseplatte – natürlich mit französischen Spezialitäten – z.B. dem besten Roquefort, den ich je verkostet habe. Ja, und dann – ist die Hausfrau fürchterlich enttäuscht, weil du ihre Eisspezialitäten oder ihr Kompott ablehnst.

Nicht zu vergessen
Köstlicher Rotwein und das obligate Wasser stehen bei jedem Essen am Tisch und sind meist auch in Restaurants im Preis inbegriffen.
Gewöhnungsbedürftig war aber auch der Frühstückskaffee: Er wird meist aus einer gar nicht so kleinen Schüssel (ohne Henkel) getrunken.

Bier
Ein begeisterter Biertrinker wie ich hat es in Frankreich nicht leicht: Ein „großes Bier“ passt dort in ein Glas mit 20 cl – also nicht einmal ein Seidel! Schlimm! Was Wunder, dass ich beim Erhalt des ersten Glases schon „Encore, s.v.p.“ rief und bald noch ein drittes Glas orderte, um mich so dem österreichischen Standardmaß, dem „Krügel“, anzunähern. Jean-Paul, mit dem ich mehr als eine Woche unterwegs war, schüttelte dann immer den Kopf und meinte: „Willi, Du bist ein Loch“.

Sonntagsjäger
„Pendant les périodes de chase, il est conseillé de rester sur Chemin balisé“ – „Während der Jagdsaison wird geraten, auf den markierten Wegen zu bleiben!“  – so steht’s im Wegführer. Und in der Tat – besonders an Wochenenden knallte es rundherum und immer wieder traf man auf grimmig dreinblickende Sonntagsjäger. Angesichts der Knallerei fragte mich eine deutsche Pilgerkollegin: „Sag, was schießen die eigentlich?“ Trockene Antwort meinerseits: „Jakobspilger“.

Stempel
Als Jakobspilger sucht man schöne Stempel für den Pilgerpass. Es war daher nötig, meinen Wortschatz um das französische Wort für „Stempel“ zu erweitern. Und war erstaunt – er heißt „Tampon“ – genau wie der bei uns bekannte Blutsauger (der auch in Frankreich so heißt). Eines Abends in gemütlicher Runde ersuchte ich Marco, einen zweisprachigen, 69-jährigen und sehr netten Schweizer, er möge die Gastgeber fragen, ob ich einen „Tampon“ in meinen Pilgerpass haben könne. Mein Schalk im Nacken fügte aber noch „… aber bitte ohne Schnürl!“. Marco übersetzte brav – und alle brüllten vor Lachen – alle, außer Marco, dem man erst die beiden Bedeutungen dieses Wortes mühsam erklären musste.

Missverständnis
In einem kleinen Dorf in Frankreich grüßte ich drei Damen artig mit „Bonjour mesdames!“. Sie grüßten zurück – und eine musterte mich von oben bis unten und meinte: „Mon dieu! Vous avez un grand piece!“. Meine grauen Zellen übersetzten rasch: „Mein Gott! Haben Sie ein Riesentrumm!“. Erschrocken bedeckte ich meine untere Region mit beiden Händen. Hatte ich einen Toilettfehler? Die Dame hatte aber meinen Rucksack im Auge.

Hunde
Viele Pilger haben Paolo Coelhos Jakobsweg-Schilderung gelesen. Und da taucht immer wieder ein schwarzer, böser Hund auf, den er schließlich besiegen muß. Kein Wunder, dass sich die meisten vor streunenden Hunden fürchten. Es gab aber selten Probleme damit.
Zwei richtige Rabauken aber verhalfen mir zu Heldenruhm: In Südfrankreich war ich mit einigen Pilgerinnen entlang eines Kanals unterwegs, als zwei „halbstarke“ Rüden mit wüstem Gekläff und gefletschten Zähnen auf uns losstürmten. Die Damen zogen sich ängstlich hinter mich zurück. Ich aber lief den beiden instinktiv entgegen und bellte – lauter als die beiden. Es muss sehr überzeugend gewesen sein. Die beiden stoppten – zogen den Schwanz ein und flüchteten. Und ich war der große Held.

Jakobssplitter Spanien

Mitesser
Ein Erlebnis mit Hunden hatte ich bei Tómas, einem ehemaligen Jakobspilger, der nun als Eremit mit einer Schar unterschiedlichster Tiere unweit des Cruz de Ferro lebt und Pilger betreut. Zwar roch es dort etwas streng – aber wir fragten Tómas, ob wir an seinem Tisch unseren mitgebrachten Lunch verzehren dürfen. Kaum hatten wir ausgepackt, lockte der Duft unserer Speisen drei große Hunde an. Sie legten ihre Köpfe auf unseren Tisch, verdrehten vor Fresslust die Augen und sabberten, was das Zeug hielt. Ich erinnerte mich an meine Kenntnisse in punkto Tiersprachen und begann heftig zu bellen, um die Viecher zu verscheuchen. Das aber war in diesem Fall kontraproduktiv, denn nun bogen zwei weitere „Kälber“ um die Ecke – neugierig, was denn da los sei.

Emigranten
In einem kleinen Dorf in Spanien gab es zwar ein Lokal mit Getränken, aber nichts zu Essen. War aber kein Problem. Wir setzten uns in einen kleinen Park, breiteten einen Regenponcho ins Gras und jeder legte seine Köstlichkeiten aus dem Rucksack drauf. Während wir dann schmausten kamen einige Kinder vorbei und meinten verständnisvoll: „Ah, Emigrantes!“

Schwedenmädels
Rast in einem Gastgarten. Am Nachbartisch saßen einige junge, bildhübsche Schwedinnen. Nach einiger Zeit kamen weitere dazu – sichtlich gehörten sie alle zu einer Gruppe. Die Ankömmlinge wurden mit lautem Hallo begrüßt, herzlich umarmt und abgebusselt. Ich nicht faul, sprang auf und stellte mich hinten an. Die Mädels waren nicht geizig und auch ich wurde lachend geherzt und geküsst.

Reklame
Schwitzend hatten wir eben einen Kamm überschritten und es ging nun talwärts durch einen Wald. Da kam uns, ebenfalls schwitzend und keuchend ein einzelner Wanderer entgegen. Er hielt uns an und versuchte uns wortreich und heftig gestikulierend etwas zu erklären. Irgendwie entnahmen wir dem Wortschwall, wir sollten im nächsten Ort nicht das erste Lokal aufsuchen. Dort sei es schmutzig, das Essen sei schlecht und auch sehr teuer. Im zweiten Lokal aber – und nun leuchteten seine Augen und er schnalzte mit der Zunge – da gäbe es ein Super-Papperl – und gar nicht teuer. Da müssten wir hin. Zufrieden, dass seine Botschaft angekommen war, hastete er weiter den Berg hinan.
Die Tipps von anderen Wanderern waren meist wertvoll – und wir befolgten den Rat. Und wurden wirklich nicht enttäuscht. Eine nette Wirtin verwöhnte uns richtiggehend. Und teuer war es auch nicht. Als wir uns gerade zum Gehen anschickten, ging die Tür auf – und herein kam – unser Wanderer. Es war der Wirt selbst gewesen, der auf diese Weise die Pilger in sein Lokal umlenkte.

Attacke
In Spanien, wo genau weiß ich nicht mehr, kam mir ein kleines, schmutziges Weiblein entgegen. Sie hatte ein großes Holztrumm geschultert und schwenkte einen Regenschirm. Ich machte aus größerer Entfernung schnell eine Aufnahme von der seltsamen Erscheinung. Die Lady kam näher, blieb stehen und begann zu schreien und zu gestikulieren. Ich verstand kein Wort und sah sie verständnislos an. Da packte sie ihren Schirm und drosch ihn mir über den Kopf. Da erst wurde mir klar: Sie hatte sehr wohl gemerkt, dass ich sie fotografiert hatte und war damit sichtlich nicht einverstanden. Gott sei Dank hat sie ihren Wortschwall nur mit dem Schirm und nicht mit dem Baumstamm unterstrichen.

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